Rentenversicherung - lohnt sich das?

Rentenversicherung – lohnt sich das?

Die Idee vom verlorenen Geld in der gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) hält sich hartnäckig. Das Rentenniveau, also das Verhältnis von Durchschnittsrente zu Durchschnittslohn sinkt stetig. Ob die heutige Jugend irgendwann noch eine Rente bekommt, wird gern angezweifelt.

Im ersten Teil der Rentenversicherungsreihe will ich mit dir mal die Rendite der GRV genauer beleuchten.

Gesetzliche Rentenversicherung – die Basics

Pflichtbeitrag

Arbeitnehmer und manche Selbstständige zahlen Rentenbeiträge in die GRV. Damit sichern sie sich eine spätere Rentenzahlung.

Als Arbeitnehmer zahlst du 9,3 % deines Bruttolohns ein. Ob du willst oder nicht. Der Arbeitgeber zahlt das gleiche nochmal drauf. Ob er will oder nicht. Für Arbeitnehmer ist die GRV eine Pflichtversicherung. Der Beitragssatz wird allerdings künftig steigen.

Aus diesen Beiträgen wird nicht nur die Altersrente, sondern auch Leistungen zur Erwerbsminderungsrente, Hinterbliebenenrente und Reha-Maßnahmen. Der auf die Altersrente entfallende Teil der Beiträge liegt bei etwa 80 %.

Rentenhöhe

Zur Berechnung der Rentenhöhe werden drei Werte herangezogen.

Erstens deine Entgeltpunkte. Für ein Jahr Verdienst in Höhe des Durchschnitts aller Einzahler erhältst du einen Punkt. Ist dein Verdienst höher oder niedriger bekommst du anteilig Punkte.

Also du verdienst im Jahr 2021 genau 41541€. Du erhältst einen Punkt. Du verdienst 20770€, du erhältst einen halben Punkt. Du verdienst 415410€. Du bekommst keine 10 Punkte, sondern 2,05. Die Einzahlungen in die Rentenversicherung sind gedeckelt (Beitragsbemessungsgrenze 7100€ West / 6700€ Ost).

Den zweiten Faktor zur Bestimmung der Rentenhöhe stellt der Rentenwert dar. Das ist der Wert eines Entgeltpunktes. Aktuell im Osten 33,23€, im Westen 34,19€. Bis 2025 werden die Unterschiede in Ost und West abgebaut.

Der dritte Faktor ist der Zugangsfaktor. Dieser beschreibt die Abschläge, die du in Kauf nimmst, wenn du vorzeitig (bevor du 67 bist) in Rente gehen willst. Der Abschlag beträgt für jeden Monat 0,3 Prozentpunkte. Maximaler Abzug bei Rentenbeginn mit 63 Jahren ist dann also 14,4 % oder ein Zugangsfaktor von 0,856. Ohne Abzüge beträgt er 1,0. Wenn du länger arbeitest, gibt es was obendrauf.

Die Formel ist dann recht simpel:

Rentenhöhe = Rentenwert (RW) x Entgeltpunkte (EP) x Zugangsfaktor (ZF)

Daraus ergibt sich eine Rente für den „Eckrentner“ (45 Jahre lang den Durchschnittlohn bezogen):

45 (EP) x 34,19€ (RW) x 1,0 (ZF)= 1538,55€

Rendite der GRV

Lohnt sich nun das Einzahlen in die GRV? Das hängt von deinen persönlichen Werten ab. Einerseits, wieviel zahlst du ein? Andererseits, was bekommst du raus?

Und hier ergeben sich schon die ersten Probleme. Aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik ergibt sich eine Richtung der Zeit. Wir können uns an die Vergangenheit erinnern und die Zukunft beeinflussen. Aber nicht umgekehrt.

Das bedeutet konkret, dass wir weder die Einzahlungen noch die Auszahlungen vorher kennen können. Aber die Erfahrung (Statistik) lehrt uns, dass wir Modelle der Welt aufstellen und damit Vorhersagen treffen können.

Untersuchungen der Rendite der GRV gab es in der Vergangenheit von Seiten der Deutschen Rentenversicherung (DRV), der Stiftung Warentest, Verbraucherzentralen oder wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen.

2,7 % bis 3,2 % Rendite auf die Gesamtbeiträge wurden für Frauen ermittelt. [2][3][5] Auf den auf die Altersrente entfallenden Teil der Beiträge ist die Rendite 3,3 % – 3,7 %.[2][3][4][5]

Für Männer wird aufgrund der geringeren Lebenserwartung eine etwa 20 % geringere Rendite ermittelt (2,8 % auf Basis des Altersrentenanteils [4]).

Seit ein paar Jahren gab es aber keine aktuellen Berechnungen zur Rendite von Rentenbeiträgen mehr. Aufmerksamkeit verdient vor diesem Hintergrund eine aktuelle Studie von Forschern des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) [1].

Die Autoren finden nicht „die“ Rendite für die gesetzliche Rentenversicherung. Vielmehr unterscheiden sie sich, „je nach Geburtsjahrgang, Erwerbsverlauf einschließlich Einkommensniveau, Familienstand […] erheblich“.

Dabei wird in dieser Studie über die übliche Berechnung der Bruttorendite auch die Nettorendite berechnet. Dies ist sinnvoll, da vor allem die Netto- bzw. Nachsteuerrenditen den Wert deiner Altersversorgungsleistungen angeben.

Die Autoren ermitteln eine Nettorendite (nach Leistung von Kranken-, Pflegeversicherung, Einkommenssteuer) von etwa drei Prozent für alleinstehende Frauen ohne Kinder. Dabei wird die Rendite geringer je höher das Einkommen.

Der Jahrgang spielt weniger eine Rolle. Einerseits sind die jüngeren zu einem höheren Anteil ihres Erwerbslebens von den steigenden Beiträgen betroffen, was die Rendite verringert. Andererseits nimmt aber auch die Lebenserwartung weiter zu, was die Rendite erhöht.

Etwa einen halben Prozentpunkt mehr Rendite gibt es für die Frau mit Kindern. Der größte Teil dieser Differenz ergibt sich aus Rentenansprüchen aus Kindererziehungs- und Kinderberücksichtigungszeiten.

Kindererziehungszeiten sind Pflichtbeitragszeiten, für die Beiträge vom Bund an die Rentenversicherung gezahlt werden. Für die Zeit der Kindererziehung wirst du in etwa so gestellt, als hättest du Beiträge aufgrund des Durchschnittsverdienstes aller Versicherten gezahlt.

Umgerechnet bringt dir ein Jahr Kindererziehungszeit also ungefähr 30 Euro Rente pro Monat.

Du erziehst Kinder, arbeitest aber nebenbei?
Prima – dann bekommst du diese Beiträge nämlich zusätzlich zu dem, was du selbst einzahlst.

Ist dein Kind im Jahr 1992 oder später geboren, wird dir bis zu 3 Jahre oder 36 Monate Kindererziehungszeit gutgeschrieben. Zusätzlich können dir Berücksichtigungszeiten wegen Kindererziehung im Umfang von bis zu 10 Jahren angerechnet werden.

Hast du Kinder solltest du deinen Rentenversicherungsverlauf checken, ob diese Zeiten erfasst sind.

Freiwillige Rentenbeiträge

Über die Pflichtbeiträge hinaus, kannst du auch freiwillige Beiträge zur gesetzlichen Rentenversicherung leisten. Das kann sich tatsächlich in einigen Fällen lohnen. Unten sind zwei Beispiele aufgeführt.

Als Nicht-Pflichtversicherte kannst du jeder­zeit einen Antrag auf freiwillige Versicherung bei der Rentenversicherung stellen. Du kannst zwischen mindestens 83,70€ und maximal 1.320,60€ im Monat einzahlen.

Die ausgezahlte Rente unterliegt, wie könnte es anders sein, der Einkommenssteuer. Der besteuerte Anteil hängt vom Renteneintrittsjahr ab. Im Jahr 2020 beträgt er 80 % und erhöht sich bis 2040 um einen Prozentpunkt jährlich.

Du hast bereits in die GRV eingezahlt oder Kinder erzogen. Die fünfjährige Mindestversicherungszeit hast du aber noch nicht erreicht.

Du hast drei Jahre Kindererziehungszeit gutgeschrieben und zahlst für zwei Jahre den Mindestbeitrag von 83,70€ ein.

Dafür bekommst du lebenslang 104,22€ pro Monat (Renteneintritt mit 67).

Du planst früher in Rente zu gehen. Dann musst du Abschläge in Kauf nehmen. Mit dem Inkrafttreten des Flexi-Rentengesetzes am 1. Juli 2017 kannst du Ausgleichszahlungen ab dem 50. Lebensjahr vornehmen. Wenn du dir dann später überlegst, doch länger zu arbeiten, geht das. Du bist nicht verpflichtet eher in Rente zu gehen.

Die Sonderzahlung kann sich vor allem lohnen, wenn du erbst, eine Abfindung bekommst oder aus anderen Gründen an höhere Beträge kommst. Die Beiträge zur Rentenversicherung kannst Du von der Steuer absetzen: Der Höchstbetrag beträgt im Jahr 2020 25.046 Euro, davon setzt das Finanzamt 90 Prozent an.

Für freiwillige Beitragszahlungen in Höhe von 10.000 Euro im Jahr 2021 schreibt die Rentenkasse Zahlungen von 44,25 Euro monatlich brutto gut. Das ist viel, vergleicht man es mit klassischen Rentenangeboten privater Versicherer.

Wer bei einer Rente von 1.200 Euro monatlich drei Jahre früher in Rente gehen möchte, kann 130 Euro Rentenminderung (10,8 Prozent) durch rund 32.052 Euro ausgleichen. [6]

Hat unser Beispielrentner keine weiteren Einkünfte, so zahlt er auf die zusätzlichen 130€ Steuern in Höhe von 28,25€. Es bleiben also 101,75€ pro Monat übrig.

Plus bis zu 10143,63€ Steuerersparnis durch die Einzahlung.

Stellen wir das mal einer privaten Sofortrente gegenüber:

Ein 64-Jähriger der zum 01.05.2021 eine Sofortrente haben möchte, kann mit etwa 119€ möglicher Rente (inkl. Überschussbeteiligungen) und etwa 100€ garantierter Rente rechnen. [7][8]

Der eingezahlte Betrag ist hier allerdings nicht steuerlich absetzbar.

Dafür muss nur der Ertragsanteil versteuert werden. Der
Ertragsanteil hängt am Renteneintrittsalter. Für den 64-Jährigen beträgt er 19%.

Also muss nur 19,00€ / 22,61€ pro Monat versteuern. Es bleiben dementsprechend garantierte 97€ oder mögliche 114€ übrig.

Soweit ganz ausgeglichen.

Rechnen wir die Steuerersparnis im Falle der GRV aber mit ein:
Dann liegt die gesetzliche Rentenversicherung deutlich vorn.

Kommen noch andere Einkünfte dazu, liegt der Grenzsteuersatz unseres angehenden Rentners höher. Falls dieser 42% beträgt:
Private Sofortrente: 91,45€ / 108,83€ pro Monat
GKV: 75,40€ pro Monat + 10143,63€ Steuerersparnis, einmalig

Fazit

Trotz ihres miesen Rufs stellt die gesetzliche Rentenversicherung für die meisten Arbeitnehmer in Deutschland einen wichtigen, wenn nicht den wichtigsten, Teil der Altersversorgung dar. Über 18 Millionen Menschen beziehen derzeit eine Altersrente aus der gesetzlichen Rentenversicherung. [9]

Es wird viel über die Perspektive der gesetzlichen Rentenversicherung diskutiert. Aufgrund der Reformen der letzten Jahre wird das Rentenniveau in der gesetzlichen Rentenversicherung künftig sinken.

Dennoch können auch Versicherte, die erst in den nächsten Jahrzehnten in Rente gehen, im Mittel mit einer deutlich positiven Rendite rechnen. Zu diesem Ergebnis kommen verschiedene Studien einhellig.

Mit 2 % bis 3 % Nettorendite schlägt die gesetzliche Rentenversicherung jedes Festgeldangebot. Auch gegenüber privaten Rentenversicherungen steht sie gut da.

Gegenüber der privaten Vorsorge bietet sie einen weiteren Vorteil: Inflationsausgleich. Der Staat bemüht sich, die Preissteigerung auszugleichen und die Renten anzupassen. Die privaten Rentenversicherer zahlen nur die vereinbarte Rate. Wie viel sie in vierzig Jahren wert ist, ist da egal.

Trotzdem gilt: Wer im Alter seinen bisherigen Lebensstandard halten will, muss zusätzlich privat vorsorgen. Ob es eine Versicherung sein muss, klären wir im Verlauf dieser Serie.

Voraussetzung dafür, dass sich eine Rentenversicherung lohnt ist aber immer ein langes Leben. 

Deshalb: achte auf dich!

[1] Hermann Buslei, Johannes Geyer und Peter Haan (2020): Der Einfluss von steuer- und sozialrechtlichen Regelungen auf individuelle Erträge aus der gesetzlichen und betrieblichen Altersversorgung, Modellrechnungen für typisierte Erwerbsverläufe.
[2] Gasche, Martin (2008): Renditevergleich zwischen Umlagesystem und Kapitaldeckungssystem, Allianz Dresdner Economic Research Working Paper, 115.
[3] Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) (2013): Rendite der Gesetzlichen Rentenversicherung.
[4] Handelsblatt Research Institute und Prognos (Bert Rürup, Dennis Huchzermeier, Michael Böhmer, Oliver Ehrentraut) (2014): Die Zukunft der Altersvorsorge, Gutachten für den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e. V.
[5] Sachverständigenrat (SVR) (2016): Jahresgutachten 2016/17. Zeit für Reformen.
[6] https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Rente/Allgemeine-Informationen/Wissenswertes-zur-Rente/FAQs/Rente/Rentenabschlaege/Rentenabschlag_Liste.html#9f041ff7-5fd2-4597-adfa-a902981286f6 abgerufen am 26.02.2021
[7] https://www.check24.de/rentenversicherung/sofortrente-einmalbeitrag/ abgerufen 26.02.2021
[8] https://www.huk24.de/tarif_leben_sofort.do abgerufen 26.02.2021
[9] Deutsche Rentenversicherung Bund (DRV) (2020): Rentenversicherung in Zahlen 2020.

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